Kulturwirtschaft

Der Kulturarbeiter

In der Aus- und Fortbildungslandschaft gibt es eine Brache: den Kulturarbeiter. Diesen Klammerbegriff, der eine Menge Fähigkeiten und Tätigkeiten subsummiert, gilt es aufzudröseln und als kleinen blühenden Garten zu hegen und zu pflegen. Immerhin werden die persönlichen Skills eines Kulturmanagers als innovatorisch für die Arbeitswelt der Zukunft gepriesen (Forschungsbericht Nr. 577 des BMWT, Feb. 2009).

Die Blüte des Südwestens

Das Gedankenspiel mit der floralen und der soziologisch-künstlerischen Kultur bietet sich an: Grade wir hier in der Stuttgarter Region, der wirtschaftlichen Blüte des Südwestens mit 2,7 Mio. Einwohnern haben geistiges und monetäres Potential genug, daraus etwas Wertvolles und Nützliches zu entwickeln, das nicht auf Rädern rollt oder in einer Produktionshalle steht.

 

Fangen wir also damit an!

 

Kultur- und Kreativwirtschaft und Kulturarbeit

Die Kultur- und Kreativwirtschaft hat am Bruttosozialprodukt Deutschlands, also an der Gesamtsumme aller produzierten Güter und Dienstleistungen, einen Anteil von 61 Mrd. Euro oder 2,6 % (Stand 2006). Dies scheint nominal wenig, wird aber mehr, wenn man weiß, daß sie damit direkt nach der Automobilproduktion und vor der chemischen Industrie kommt.

Die Anzahl der Kreativ- und Kulturunternehmen vom selbstständigen Künstler als Einzelunternehmer bis zur Theater- oder Museums-gGmbH ist zwischen 2003 und 2008 um 22,8 % gestiegen, bei den freien Künstlern stieg die Zahl sogar zwischen 2000 und 2008 um 48,8 %. Die zeigt den enormen Stellenwert von Kreativität.

Ein Klick auf Wikipedia erläutert uns Kultur- und Kreativwirtschaft als einen neuen Wirtschaftssektor, „…dessen Unternehmen mit künstlerischen und kulturellen Gütern (Kulturwirtschaft) und künstlerischen Ideen in Verbindung mit technologischer, innovativer und wissenschaftlicher Kreativität (Kreativwirtschaft) primär erwerbswirtschaftlich tätig sind.“.

Großbritannien kann als Mutterland des Begriffes der Creative Industries gesehen werden. Anfang der 1990er Jahre führten erste Forschungen und die folgende Würdigung aller kreativen Arbeiten zur öffentlichen Wahrnehmung dieses volkswirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Evolutionsprozesses und letztendlich dazu, daß Mitte der 2000er Jahre die Creative Industries einen Anteil von fast sieben Prozent an der Gesamtindustrie hatten und ein wirtschaftliches Wachstum von fünf Prozent generierten – doppelt so viel wie der Rest der Volkswirtschaft.

Im Vereinigten Königreich arbeiten 2006 zwei Mio. Menschen in der Creative Industry, in Deutschland ist es 2008 eine Mio.. Bei 62 Mio. Einwohnern Großbritanniens und 82 Mio. in Deutschland ein deutlicher Unterschied. In Deutschland sind vergleichsweise „nur“ 2,4 % der Erwerbstätigen in der Kulturwirtschaft tätig.

Kulturarbeit ist ein neuerer Begriff der Volks- und Betriebswirtschaftslehre. Er wurde entwickelt, um zu verdeutlichen, daß Kunst und Kultur nicht nur aus dem kreativen Moment des Schöpfungsaktes bestehen, sondern daß in der Vorarbeit und auch in der Folge einiges an planerischer und verwaltender Arbeit geleistet werden muß, um die Kunst ans Publikum zu bringen.

Das ist teils schiere Fleißarbeit und verlangt nach stabilem, beharrlichem und stetem Denken und Handeln. Diese Aspekte sollen die Ernsthaftigkeit und große Bedeutung kulturell-künstlerischen Schaffens unterstreichen.

Zur Begriffsgeschichte und zum Selbstverständnis: Deutschland als Staat und Volkswirtschaft verstand sich bis Ende des letzten Jahrhunderts vorrangig als Industriestaat, wie auch die anderen großen Volkswirtschaften um uns herum und über die Meere.

Da jedoch durch Globalisierung und Mobilität nicht nur Menschen, sondern auch die Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital und der neue Produktionsfaktor Wissen/Humankapital begonnen haben, die Erde zu umwandern, gewannen Dienstleistungen und die sogenannte Weichware als Produkte einer Volkswirtschaft größere Bedeutung.

Deutschland ist immer noch auf dem Weg von der Industrie- über die Dienstleistungs- zur Informations- und Kommunikationsgesellschaft mit digitalen Avataren, zu einer Gesellschaft, die nicht nur materielle Innovationen, sondern auch formale und inhaltliche soziale Arten der Neuerung entwickeln und versuchen kann, damit „globalen Handel“ zu treiben.

Die Märkte der bedeutenden EU-Volkswirtschaften sind gesättigt, Überfluß herrscht bis in die kleinste Marktnische. Dieser Überfluß, der eigentlich durch wirtschaftlichen Reichtum generiert wird, birgt für die aufgeklärte und kritische deutsche Gesellschaft die Chance, die soziale Teilhabe auf ein hohes Niveau zu bringen. Über Kultur und ihre Präsentationsformen wird Öffentlichkeit gebildet, ein unerläßliches Medium für Ziele und Ergebnisse pädagogischer und besonders sonderpädagogischer Kulturarbeit – dahinter steht besonders auch der Begriff der Inklusion.

In unserer modernen Mediengesellschaft wird vieles über die Öffentlichkeit und öffentliche Wahrnehmung rezipiert. Der moderne Mensch lebt im Umfeld klassischer Medien wie Zeitungen/Zeitschriften, elektronischer Medien wie Radio, TV und digitaler Medien wie Computer und Smartphones, die derzeit unser Leben revolutionieren.

Social Media und die ganzen –tainments machen uns und unsere Bedürfnisbefriedigungen allzeit erreichbar. Diesen Trend, der eine weltbewegende Veränderungen mit sich bringt, soll auch die Sonderpädagogik aufgreifen, um sozusagen die Inklusion mithilfe des hochauflösenden Displays voranzubringen.

Kernbranchen und kulturelle Veranstaltungsgattungen

Im Jahre 2007 wurde der Schlußbericht der Enquetekommission „Kultur in Deutschland“ des Deutschen Bundestages vorgelegt. Diese erste detaillierte Bestandsaufnahme seit Jahrzehnten und das im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft im Jahr 2009 veröffentliche Forschungsgutachten „Kultur- und Kreativwirtschaft“, das ein strukturiertes Gesamtbild der Branche zur nationalen und internationalen Vergleichbarkeit herstellte, macht klar, daß Politik und Wissenschaft die Bedeutung von Kunst und Kultur erkannt haben.

Hier ist ein Zitat aus dem Enquete-Bericht angebracht; es lautet: „Kultur ist kein Ornament. Sie ist das Fundament, auf dem unsere Gesellschaft steht und auf das sie baut. Es ist Aufgabe der Politik, dieses zu sichern und zu stärken.“

Die folgende Übersicht.01 zeigt die Kernbranchen der deutschen Kultur- und Kreativunternehmen entsprechend einem Forschungsgutachten, danach folgt eine Auflistung möglicher künstlerisch-kultureller Gattungen und ihrer Formate, also „Endprodukte“, die in den Kernbranchen geschaffen und hergestellt werden.

Musikwirtschaft
-  Selbständige Musiker/innen, Komponist/innen#-  Musik und Tanzensembles-  Verlag von bespielten Tonträgern u. Musikverlage
-  Theater-/Konzertveranstalter
-  Betrieb von Theatern, Opern, Schauspielhäusern usw.
-  Sonstige Hilfsdienste des Kultur- und Unterhaltungswesens
-  Einzelhandel mit Musikinstrumenten und MusikalienBuchmarkt
-  Selbständige Schriftsteller/innen
-  Buchverlag
-  Einzelhandel mit BüchernKunstmarkt     
-  Selbständige bildende Künstler/innen
-  Kunsthandel
-  Museumsshops und Kunstausstellungen

Filmwirtschaft
-  Selbständige Bühnenkünstler/innen
-  Film-/TV- und Videofilmherstellung
-  Filmverleih- und Videoprogrammanbieter
-  Kinos

Rundfunkwirtschaft
-  Rundfunkveranstalter
-  Herstellung von Hörfunk-, Fernsehprogrammen

Markt für darstellende Künste
-  Selbständige Bühnenkünstler/innen
-  Selbständige Artist/innen
-  Theaterensembles
-  Theater-/Konzertveranstalter
-  Betrieb von Theatern, Opern, Schauspielhäusern usw.
Varietes u. Kleinkunstbühnen

Sonstige Hilfsdienste des Kultur- und Unterhaltungswesens
-  Tanzschulen
-  Weitere Kultur-/Unterhaltungs-einrichtungen (Zirkus, Akrobaten, Puppentheater)


Designwirtschaft                    
-  Industriedesign
-  Produkt-/Mode-/Grafikdesign
-  Kommunikationsdesign/WerbegestaltungArchitekturmarkt
-  Architekturbüros f. Hochbau u. Innenarchitektur
-  Architekturbüros für Orts-, Regional- u. Landesplanung
-  Architekturbüros für Garten- u. LandschaftsgestaltungPressemarkt
-  Selbständige Journalist/innen
-  Korrespondenz- und Nachrichtenbüros
-  Verlage von Adressbüchern
-  Zeitungsverlag
-  Zeitschriftenverlag
-  Sonstiges Verlagswesen

Werbemarkt   
-  Werbung/ Werbegestaltung
-  Werbung/ Werbevermittlung

Software-/Games-Industrie
-  Verlegen von Software
-  Softwareberatung und –entwicklung

Sonstiges                   
-  Selbständige Restaurator/innen
-  Bibliotheken/Archive
-  Betrieb von Denkmalstätten
-  Botanische u. zoologische Gärten sowie Naturparks
-  Schaustellergewerbe und Vergnügungsparks

Architektur
- Urbaner Raum
- Innenarchitektur
- Landschaftsarchitektur
- SonstigesBildende Kunst
-  Ausstellungskonzeption
-  Digitale Kunst
-  Druckgrafik
-  Fotografie
-  Installation
-  Klangkunst
-  Kunst im Öffentlichen Raum
-  Malerei
-  Medienkunst
-  Performance/Aktionskunst
-  Plastik/Skulptur
-  Video
-  Film
-  Zeichnung
-  SonstigesDesign
-  Kommunikationsdesign
-  Modedesign
-  Produktdesign
-  Sonstiges

Literatur
-  (Vor-)Lesen
-  Erzählen
-  Kreatives Schreiben
-  Poetry Slam
-  Arbeit mit Autoren
-  Sonstiges

Medien
-  Audio
-  Computer
-  Film und Video
-  Fotografie
-  (Inter)Netzwerke
-  Multimedia
-  Print
-  Sonstiges

Musik
-  Band/Orchestermusik
-  Instrumentalmusik
-  Vokalmusik
-  Improvisation
-  Komposition
-   Musiktheater-  Rock/Pop/HipHop
-  Klassische Musik
-  Neue Musik
-  Musikalische Früherziehung
-  Klangkunst
-  Sonstiges

Tanz
-  Ballett
-  Breakdance
-  Folklore
-  Jazz/Streetdance
-  Modern Dance
-  Rock/Pop/HipHop
-  Step
-  Tanztheater
-  Tanzperformance
-  SonstigesTheater
- Figuren-/Objekttheater
-  Improvisation
-  Musiktheater
-  Tanztheater
-  Sprechtheater
-  Pantomime
-  Bühnen-/Kostümbild, Maske, Licht
-  Sonstiges

Theorie/Diskurs
-  Kunst- und Kulturgeschichte
-  Philosophie
-  Konzeptkunst
-  Sonstiges

Zirkus
-  Akrobatik, Artistik
-  Clown
-  Jonglage
-  Sonstiges

Veranstaltungsangebote
-  Aktion
-  Aufführung
-  Ausstellung
-  Beratung
-  Exkursion
-  Experiment
-  Ferienangebot
-  Förderangebot
-  Führung
- Improvisation-  Konzert-  Kurs
-  Performance
-  Produktion
-  Vortrag
-  Workshop
-  Präsentationsorientiertes Projekt
-  Produktorientiertes Projekt
-  Prozessorientiertes Projekt
-  Beteiligungsprojekt

Dokumentierbare Ergebnisse
-  Konzert
-  Internetanwendung
-  Hörspiel/Radio
-  Foto
-  Film/Video
-  Buch/Zeitung
-  Bild/Zeichnung
-  Ausstellung
-  Aufführung
-  Gegenstand
-  Multimedia
-  Text
-  Tonträger
-  Prozessorientiert
-  SonstigesQuelle: Datenbank Kulturelle Bildung
Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung (LKJ ) Berlin e.V.,Obentrautstraße 57,10963 Berlin

 

Berufliche Profile

Im Jahre 2003 taucht in in den Statistiken Deutschlands erstmals ein Ausbildungsberuf namens Veranstaltungskauffrau/-kaufmann auf. Seit 2001 können junge Menschen diesen Berufsweg wählen; das Profil wurde völlig neu geschaffen und ist keine Modifizierung eines bestehenden Berufsbildes. Seitdem wächst die Zahl der Auszubildenden ständig; auffällig ist die Quote an Abiturienten, die die hohe Anforderung an die Selbstständigkeit der Veranstaltungskaufleute widerspiegelt. Mittlerweile befinden sich ca. 4.600 junge Menschen in dieser Ausbildung.

Nach bestandener Ausbildung kann vor einer anerkannten Prüfungsstelle nach einer Fort- oder Weiterbildung die staatlich anerkannte Prüfung zum Veranstaltungsfachwirt abgelegt werden, sie ist einer Meisterprüfung gleich zu setzen.

Die Ausbildungsinhalte der Veranstaltungskaufleute gliedern sich in allgemeine betriebswirtschaftliche Lernfelder und fachspezifische Inhalte zu Projekt- und Veranstaltungsmanagement. Der Rahmenstoffplan zum Veranstaltungsfachwirt enthält wiederum Betriebswirtschaft in größerem Zusammenhang, also eine Erweiterung und Weiterführung der Lernfelder der Kaufleute und detaillierten Stoff zum Veranstaltungsmanagement, der den Absolventen eine selbstständige Veranstaltungsvermarktung, Planung, Organisation und Nachbereitung ermöglicht.

Veranstaltungskaufleute und –fachwirte finden sich in den MICE-Unternehmen wieder (Meetings, Incentives, Congresses, Events) und im klassischen und zeitgenössischen Kulturbetrieb von Theater bis innovativer Kulturverein.

Auch im wissenschaftlichen Bereich haben Wachstum und Bedeutung der Kulturwirtschaft zur Gründung von Forschungs- und Lehrbereichen geführt. Zwar existierten Kulturwissenschaften schon immer als geisteswissenschaftliches Fachgebiet an deutschen Hochschulen und Universitäten, die praktische Umsetzung durch Organisation und Management jedoch findet erst seit Mitte der 90er Jahre wissenschaftliche Anerkennung. Bundesweit wurden grundlegende Studiengänge, Aufbaustudien und Weiterbildungsangebote entwickelt.

(siehe dazu www.kulturmanagement.net, Navigation Ausbildung, weitere nützliche Links sind:

www.fachverband-kulturmanagement.org,
www.kulturportal-deutschland.de,
www.kulturrat.de,
www.kulturwirtschaft.de,
www.kulturpolitik-kulturwirtschaft.de)

Auf technischer Seite existiert seit 1998 der Beruf der Fachkraft für Veranstaltungstechnik, der vielgerühmte Techniker, der Licht, Ton, AV-Medien und alle anderen technischen Fragen beantworten kann. Dazu kann eine Meisterprüfung gemacht werden. Veranstaltungskaufleute und –techniker arbeiten für gewöhnlich Hand in Hand, denn sie sind auf einander angewiesen.

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